Satoshi Kons Abschiedsschreiben [Deutsche Übersetzung]

Satoshi Kon verstorben
Bekannter Anime-Regisseur an Krebsleiden gestorben. (Otakutimes.de berichtete)

Satoshi Kon galt in der Anime-Industrie als einer der großen Filmregisseure. Bekannt wurde er hierzulande durch Filme wie “Perfect Blue”, “Millenium Actress”, “Tokyo Godfathers” und “Paprika”, sowie der Anime-Serie “Paranoia Agent”.


Seine letzten “Worte”, ein 3600 Wörter schweres Dokument, wurde von makiko itoh heute ins Englische übersetzt. Auf ihrer Übersetzung basiert die nun folgende:

Sayonara (Auf Wiedersehen)

Wie könnte ich den 18. Mai dieses Jahres vergessen.

Ich erhielt folgende Diagnose von einem Kardiologen aus dem Red Cross Hospital.

“Es ist Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Er hat sich in etlichen Knochen ausgebreitet. Sie haben höchstens noch ein Jahr zu leben.”

Meine Frau und ich hörten gemeinsam zu. Es war ein so unerwartetes und unglaubliches Schicksal, dass wir beide es kaum verkraften konnten.

Ich dachte ehrlich gesagt immer, dass “ich nichts daran machen kann, wenn ich eines Tages sterben werde”. Dennoch kam es so plötzlich.

Um sicher zu sein gab es einige Vorzeichen. 2 bis 3 Monate davor hatte ich starke Schmerzen in vielen Rückenpartien und den Gelenken meiner Beine; Ich hatte die Kraft in meinem rechten Bein verloren, das Gehen fiel mir schwer und ich ging zu einem Akkupunkteur und einem Chiropraktiker, aber es wurde nicht besser. Und als ich im Kernspin war und ein PET-CT (und andere Maschinen) gemacht wurde, kam die plötzliche Diagnose über den Verbleib meiner Lebenszeit.

Es war, als hätte sich der Tod, bevor ich es realisierte, direkt hinter mich gestellt und es gab nichts, was ich dagegen hätte tun können.

Nach der Diagnose suchten meine Frau und ich nach Möglichkeiten, mein Leben zu verlängern. Es war buchstäblich eine leben oder sterben Situation. Unterstützung erhielten wir von treuen Freunden und guten Bekannten. Ich lehnte Medikamente gegen Krebs ab und versuchte mit einem etwas anderen Blick auf die Welt, fernab der Norm, zu leben. Die Tatsache, dass ich die Medikamente ablehnte, die “als normal” galten, schien mir typisch für mich.

Ich hatte nie das Gefühl zu dem Großteil der Menschen zu gehören. Das galt für ärztliche Betreuung genau so wie für alles Andere. “Warum nicht versuchen, nach meinen eigenen Idealen zu leben!”. Allerdings hat reine Willenskraft noch nie ausgereicht, zum Beispiel beim Filme-Machen. Die Krankheit schritt Tag für Tag voran.

Auf der anderen Seite akzeptiere ich als Mitglied der Gesellschaft die Hälfte von dem, was sie als richtig empfindet. Ich bezahle meine Steuern. Ich bin weit davon entfernt ein “aufrechter Bürger” zu sein, aber ich bin ein volles Mitglied der japanischen Gesellschaft. Abgesehen also von den Dingen, die ich tun musste um mein Leben, meiner Ansicht nach, zu verlängern, versuchte ich auch alle nötigen Dinge zu erledigen um in Frieden sterben zu können. Ich glaube nicht, dass ich es ordentlich hin bekommen habe. (Aber) eines der Dinge, die ich getan habe, war die Kooperation mit zwei Freunden, denen ich trauen konnte – eine Firma zu öffnen um damit Dinge wie meine ganzen Copyrights zu sichern. Eine andere Sache war das Schreiben meines Willens um sicher stellen zu können, dass meiner Frau mein bescheidenes Vermögen zukommt. Natürlich ging ich nicht davon aus, dass es um meinen Nachlass Streit oder so geben würde, aber ich wollte sicher sein, dass sich meine Frau, die in dieser Welt zurück bleiben sollte, um nichts sorgen musste – und außerdem wollte ich mir, der einen kleinen Hops nach drüben machen würde, jede Besorgnis nehmen.

Der Papierkram und die nötigen Nachforschungen, die weder meine Frau noch ich erledigen konnten wurden schnell von wundervollen Freunden erledigt. Als ich später eine Lungenentzündung hatte und an den Pforten des Todes stand, meine letzte Unterschrift unter meinen Willen gesetzt hatte, dachte ich, dass, wenn ich jetzt auf der Stelle sterben würde, es wohl nicht zu ändern wäre.

“Ah… Endlich kann ich sterben.”

Danach wurde ich in die Ambulanz des Red Cross Hospitals in Muashino 2 Tage zuvor eingeliefert;
dann wurde ich noch einmal einen Tag danach eingeliefert. Selbst ich musste ins Krankenhaus und zahlreiche Untersuchungen über mich ergehen lassen. Das Resultat der Untersuchungen: Lungenentzündung, Wasser in der Brust und als ich den Doktor [gerade aus] fragte, war die Antwort ziemlich sachlich, dafür war ich dankbar auf eine Art.

“Ihnen bleiben noch 1 oder 2 Tage… Selbst, wenn Sie das überleben, haben Sie vielleicht noch bis zum Ende des Monats.”

Als ich zuhörte dachte ich, dass es so ist, als würde er mir den Wetterbericht sagen, aber die Situation war immer noch kritisch.

Das war der siebte Juli. Es war ein ziemlich brutaler Tanabata, das ist gewiss.

Also entschied ich sofort und auf der Stelle.

Ich wollte zu Hause sterben.

Ich machte den Menschen um mich herum vielleicht Probleme, aber ich bat sie darum nach einer Möglichkeit zu suchen, wie ich zurück nach Hause kommen konnte. [Ich schaffte es] Dank den Bemühung meiner Frau, der Kooperation des Hospitals, die mich trotz ihrer Position aufgaben, der enormen Hilfe anderer medizinischer Einrichtungen und den Zufällen, die so zahlreich erschienen, als wären sie ein Geschenk des Himmels. Ich hatte noch nie so viele Zufälle und Ereignisse so passend auf einer Stelle zusammentreffen sehen im richtigen Leben, ich konnte es kaum fassen. Das war schließlich nicht Tokyo Godfathers.

Während meine Frau Anstellungen für meine Flucht ergriff diskutierte ich mit den Ärzten “Wenn ich nur für einen halben Tag nach Hause darf – es gibt noch Dinge, die ich tun kann!”, als alleine in einem tristen Krankenzimmer auf dem Tod zu warten. Ich war einsam, aber das war es, was ich dachte.

“Vielleicht wäre sterben doch nicht so schlecht.”

Ich hatte zwar keine Gründe dafür und wahrscheinlich musste ich so denken, aber ich war überraschend ruhig und entspannt.

Jedoch gab es eine einzige Sache, die an mir nagte.

“Ich will hier nicht sterben…”

Als ich darüber nachdachte flog etwas aus dem Kalender an der Wand und fing an, sich im Zimmer auszubreiten.

“Oh je, eine Linie ausgehend von dem Kalender. Meine Halluzinationen sind nicht wirklich originell.”

Ich musste über die Tatsache grinsen, dass meine professionellen Instinkte sogar in so einer Situation noch funktionierten, aber in jedem Fall war ich dem Land der Toten zu diesem Zeitpunkt noch nie näher. Ich fühlte, dass der Tod wirklich nahe war. [Aber] durch die Hilfe vieler Menschen entkam ich auf wundersame Weise dem Red Cross Hospital und kam nach Hause zurück, eingewickelt in das Land der Toten und Bettlaken.

Ich sollte klarstellen, dass ich keine Kritik oder Hass dem Musashino Red Cross Hospital gegenüber hege, also versteht mich nicht falsch.

Ich wollte einfach nur in mein eigenes Haus. Das Haus in dem ich lebe.

Ich war etwas überrascht, als ich in das Schlafzimmer gebracht wurde, wurde mir als Bonus die bekannte Totenbett Erfahrung nämlich “von Oben auf deinen Körper zu schauen während man in den Raum getragen wird” zu Teil. Ich sah auf mich herab durch ein groß winkliges Objektiv von einer Stelle mehrere Meter über dem Boden. Das Quadrat des Bettes inmitten des Raumes schien sehr groß und herausragend und mein in Laken gewickelter Körper wurde in die Mitte dieses Quadrates gelegt. Nicht all zu sanft, aber ich beschwere mich ja nicht.

Was mir nun also noch blieb war auf den Tod in meinem eigenen zu Hause zu warten.

Aber.

Anscheinend überstand ich die Lungenentzündung.

Mh?

So was in der Art dachte ich.

“Ich habe es nicht geschafft zu sterben! (Lach)”

Als ich danach an nichts anderes mehr als den Tod denken konnte, fand ich, dass ich zu dem Zeitpunkt wirklich schon einmal gestorben bin. In meinen tiefen Gedanken erschien das Wort “Wiedergeburt” einige Male.

Erstaunlicherweise verlängerte sich meine Lebensspanne danach. Ich glaube von ganzem Herzen, dass es wegen den Menschen war, die mir halfen; zu aller erst und vor allem meine Frau, meine hilfreichen Freunde, die Doktoren und Krankenschwestern und den Krankenpflegern.

Nun, da meine Lebensspanne einen Neustart hatte, durfte ich keine Zeit mehr verschwenden. Ich sagte mir, dass ich ein extra Leben erhielt und dass ich es mit bedacht benutzen sollte. Ich dachte, dass ich wenigstens eine der Unklarheiten beseitigen sollte, die ich sonst in dieser Welt zurückgelassen hätte.

Um die Wahrheit zu sagen – Ich habe nur meinen nächsten Menschen von meinem Krebs erzählt. Ich hatte es nicht einmal meinen Eltern gesagt. Wegen arbeitstechnischen Gründen konnte ich es niemandem sagen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Ich wollte meine Krebserkrankung im Internet bekannt geben und über mein verbleibendes Leben berichten, aber wenn Satoshis Tod geplant wäre, würde er einige Wellen schlagen, wenn auch kleine. Aus diesen Gründen verhielt ich mich ziemlich verantwortungslos Menschen gegenüber, die mir lieb waren. Tut mir schrecklich Leid.

Es gab so viele Menschen, die ich noch gerne vor meinem Tod sehen wollte um sie wenigstens zu grüßen. Familie und Verwandte, alte Freunde und Klassenkameraden aus der Grundschule, der Mittelschule und Hochschule, Kollegen aus der Uni, die Menschen, die ich in der Mangawelt kennenlernte, mit denen ich so viel Inspiration geteilt hatte, die Menschen aus der Animewelt, deren Schreibtische ich teilte, mit denen ich getrunken habe, mit denen ich konkurrierte bei der gleichen Arbeit, die Freunde, mit denen ich gute und schlechte Zeiten erlebte. Die unzählbar vielen Menschen, die ich dank meiner Position als Film Produzent kennenlernen durfte, die Menschen, die sich selbst Fans nennen, nicht nur in Japan sondern auf der ganzen Welt, die Freunde die ich im Netz machte.

Es gibt noch so viele Menschen, die ich wenigstens noch einmal sehen möchte (na ja, es gibt auch einige, die ich nicht sehen will), aber wenn ich sie sehe, befürchte ich, dass der Gedanke, sie niemals wieder zu sehen, mich übermannt und dass ich dem Tod nicht würdevoll gegenüber treten kann. Selbst wenn ich mich erholt hätte, hätte ich nur sehr wenig meiner Lebensspanne übrig gehabt und es hätte viel Mühe gekostet, alle Menschen zu sehen. Je mehr Menschen mich sehen wollten, desto schwerer wurde es für mich sie zu sehen. Welch Ironie. Noch dazu war meine untere Körperhälfte gelähmt, da sich der Krebs in meinen Gelenken ausbreitete und ich war an mein Bett gebunden. Ich wollte nicht, dass man meinen ausgezehrten Körper sieht. Ich wollte, dass mich die meisten Menschen als den Satoshi in Erinnerung behielten, der mitten im Leben stand.

Ich möchte diesen Platz nutzen um mich bei meinen Verwandten, Freunden und Bekannten zu entschuldigen, weil ich euch nichts von meiner Krankheit erzählt habe, für meine Verantwortungslosigkeit. Bitte versteht, dass es Satoshis egoistisches Verlangen war. Ich meine, Satoshi Kon “war schließlich so ein Typ”. Wenn ich mir eure Gesichter vorstelle, kommen mir nur gute Erinnerungen und ich erinnere mich an euer schönes Lächeln. Ich danke euch allen für diese wirklich wundervollen Erinnerungen. Ich liebte die Welt in der ich lebte. Die Tatsache, dass ich daran denken kann macht mich glücklich.

Die vielen Menschen, die mir zu meinen Lebzeiten begegneten, seien es positive oder negative, haben geholfen, den Menschen Satoshi Kon zu formen. Und für diese ganzen Begegnungen bin ich dankbar. Selbst wenn das Endresultat ein früher Tod in meinen Mittvierzigern ist, habe ich das als mein eigenes, spezielles Schicksal angenommen. Mir sind schließlich so viele positive Dinge widerfahren.

Das, was ich im Moment über den Tod denke. “Mir bleibt nur zu sagen, dass es zu schade ist.” Wirklich.

Aber auch wenn ich die meisten meiner verantwortungslosen Taten [den Menschen nichts erzählen] durchgehen lassen kann, so bereue ich doch zwei Dinge. Das mit meinen Eltern und das mit Madhouse Gründer Maruyama-san.

Obwohl es schon ziemlich spät war, blieb keine Wahl als mit der ganzen Wahrheit herauszurücken. Ich wollte sie um Verzeihung bitten.

So bald ich Maruyama-sans Gesicht sah, als er mich zu Hause besuchte konnte ich meine Tränen oder das Gefühl der Schande nicht mehr zurück halten. “Es tut mir Leid, dass ich so ende…” Maruyama-san sagte nichts, schüttelte mit dem Kopf und nahm meine Hände. Ich war voller Dankbarkeit. Das Gefühl von Erkenntlichkeit und Freude, weil ich das Glück hatte mit diesem Menschen zusammen zu arbeiten überkamen mich wie ein Erdrutsch. Es mag egoistisch sein, aber ich fühlte mich, als wäre mir in dem Moment vergeben worden.

Am meisten bedauere ich den Film “Traummaschine” (Yume Miru Kikai). Ich mache mir nicht nur um den eigentlichen Film sorgen, sondern auch um das Personal, mit dem ich an dem Film arbeiten durfte. Denn es besteht die große Möglichkeit, dass das Storyboard, das wir mit unserem Blut, Schweiß und Tränen erstellt haben, niemals veröffentlicht wird. Das ist, weil Satoshi Kon seine Arme um die originale Geschichte, das Skript, die Charaktere und das Setting, die Sketche, die Musik und um jedes einzelne Bild gelegt hat. Natürlich gibt es gewisse Dinge, die ich mit dem Animationsdirektor, dem künstlerischen Leiter und anderen Mitarbeitern geteilt habe, aber das Meiste der Arbeit kann nur von Satoshi Kon verarbeitet werden. Es ist leicht zu sagen, dass es meine Schuld war, die Dinge so arrangiert zu haben, aber aus meiner Sicht habe ich jede Mühe unternommen meine Vision mit anderen zu teilen. Allerdings kann ich in meinem aktuellen Stadium nur noch tiefe Reue für meine Unzulänglichkeiten in diesen Gebieten empfinden. Es tut mir wirklich Leid für die ganzen Mitarbeiter. Ich möchte allerdings von ihnen verstanden werden, wenn auch nur ein kleines bisschen. Satoshi Kon war “diese Art Typ” und deshalb war er in der Lage dazu ziemlich komische Anime, die etwas anders waren, zu erschaffen. Ich weiß, das ist eine egoistische Entschuldigung, aber denkt an meinen Krebs und vergebt mir bitte.

Ich habe nicht stillschweigend auf den Tod gewartet, selbst jetzt denke ich noch mit meinem schwachen Gehirn an Wege, die Arbeit nach meinem Verscheiden am Leben zu halten. Aber das sind nur schwache Ideen. Als ich Maruyama-san über meine Bedenken über “Traummaschine” erzählte, sagte er nur “Keine Sorge. Wir überlegen uns was.”

Ich weinte.

Ich weinte bitterlich.

Auch in meinen letzten Filmen war ich so verantwortungslos was die Produktion und das Budget betrifft, aber Maruyama-san hat sich letztendlich immer für mich eingesetzt.

Dieses Mal ist es nicht anders. Ich habe mich wirklich nicht geändert.

Ich konnte nach Herzenslust mit Maruyama-san reden. Dank dem hatte ich das Gefühl, dass Satoshi Kons Talente und Fähigkeiten von einigem Wert in unserer Industrie waren.

“Ich bedauere es, dein Talent zu verlieren. Ich wünschte, du könntest es für uns zurücklassen.”

Wenn Maruyama-san von Madhouse so etwas sagt, dann kann ich in die Anderswelt wenigstens mit etwas Stolz gehen. Und auch, wenn es mir niemand sagt, bedauere ich, dass meine komischen Visionen und die Fähigkeit Dinge bis ins kleinste Detail zeichnen zu können verloren gehen, aber das lässt sich nicht ändern. Ich bin von ganzem Herzen dankbar, dass mir Maruyama-san die Möglichkeit gegeben hat, der Welt diese Dinge zu zeigen. Danke, vielen vielen Dank. Satoshi Kon war glücklich als Animationsdirektor.

Es war so herzzerreißend es meinen Eltern zu sagen.

Ich hatte wirklich vor, nach Sapporo zu gehen, der Ort, an dem meine Eltern leben. Aber meine Krankheit verlief so unerwartet und unangenehm schnell, dass ich sie am Ende von einem Telefon, dem Tode nahe, aus dem Krankenhaus anrief.

“Ich habe Krebs im Endstadium und werde bald sterben. Ich war so glücklich als euer Sohn geboren worden zu sein. Danke.”

Sie mussten schockiert gewesen sein, so etwas aus heiterem Himmel zu erfahren, aber ich war mir sicher, dass ich dann sterben würde.

Aber dann kam ich nach Hause und überlebte die Lungenentzündung. Ich traf die schwere Entscheidung, meine Eltern zu treffen. Sie wollten mich auch sehen. Aber es sollte so hart werden, sie zu sehen und ich hatte nicht den Willen dazu. Aber ich wollte die Gesichter meiner Eltern noch ein letztes Mal sehen. Ich wollte ihnen sagen, wie dankbar ich ihnen war, dass sie mich in die Welt gesetzt haben.

Ich war ein glücklicher Mensch. Auch wenn ich mich bei meiner Frau, meinen Eltern und all den Menschen, die ich liebe entschuldigen muss, dass ich mein Leben schneller als die meisten gelebt habe.

Meine Eltern kamen meinem egoistischen Wunsch nach und reisten am nächsten Tag von Sapporo an. Ich kann niemals die letzten Worte meiner Mutter vergessen, als sie mich im Bett liegend sah.

“Es tut mir so schrecklich Leid, dich nicht mit einem stärkeren Körper auf die Welt gebracht zu haben!”

Ich war völlig sprachlos.

Ich konnte nur kurze Zeit mit meinen Eltern verbringen, aber das war ausreichend. Ich hatte das Gefühl, dass es ausreichen würde ihre Gesichter zu sehen und so war es dann auch.

Danke Vater, Mutter. Ich bin so froh darüber als euer Kind in diese Welt gekommen zu sein. Mein Herz ist voller Erinnerungen und Dank. Fröhlichkeit an sich ist wichtig, aber ich bin so dankbar dafür, dass ihr mir beigebracht habt, diese Fröhlichkeit zu schätzen. Danke, vielen vielen Dank.

Es ist so respektlos vor den eigenen Eltern zu sterben, aber in den letzten plus minus 10 Jahren konnte ich das tun, was ich als Animedirektor tun wollte, meine Ziele erreichen und einige gute Kritiken einfahren. Ich bedauere, dass meine Filme nicht viel Geld einspielten, aber ich finde, sie bekamen, was sie verdienten. In diesen letzten plus minus 10 Jahren hatte ich besonders das Gefühl, intensiver als andere Menschen gelebt zu haben und ich denke, dass meine Eltern verstanden, was in meinem Herzen war.

Weil mich Maruyama-san und meine Eltern besucht haben, habe ich das Gefühl, dass mir ein Stein vom Herzen gefallen ist.

Zuletzt: An meine Frau, über die ich mich am meisten sorge, die mich aber bis zum Ende unterstützt hat.

Seit dieser Diagnose sind wir zusammen so viele Male in Tränen ausgebrochen. Jeder Tag war brutal für uns beide, physisch wie psychisch. Es gibt fast keine Worte um es zu beschreiben. Aber der Grund, warum ich diese schwierigen Tage überstanden habe waren die Worte, die du zu mir gesagt hast, direkt nachdem wir die Nachrichten erhalten haben.

“Ich werde bis zum Ende bei dir sein.”

Wie wahr diese Worte waren, hast du mir doch meine Sorgen genommen, geschickt die Ansprüche und Anfragen, die auf uns zurasten geleitet und schnell gelernt, dich um deinen Ehemann zu kümmern. Ich war so gerührt zu sehen, mit welcher Effizienz du diese Dinge gemeistert hast.

“Meine Frau ist großartig.”

Jetzt brauche ich das nicht zu sagen, meinst du? Nein, nein. Du bist jetzt noch großartiger als du es jemals zuvor warst – das fühle ich wirklich. Selbst nachdem ich gestorben bin glaube ich daran, dass du Satoshi Kon mit Würde in die andere Welt geleiten wirst. Seit wir geheiratet haben war ich so in meine Arbeit versunken, dass ich nach dem Krebs nur wenig Zeit zu Hause verbringen konnte – so ein Jammer.

Aber du standest mir nahe, du hast immer verstanden, dass ich mich in meine Arbeit vertiefen musste, dass mein Talent dort war. Danke.

Es gibt so viele, unzählige Dinge, über die ich mir Sorgen mache, aber alles braucht ein Ende.

Als letztes an Doktor H (und seine Frau und Krankenschwester K-san), der zustimmte, dass ich mein Ende zu Hause entgegen nehmen durfte, obwohl das etwas ist, was heutzutage nicht mehr üblich ist. Ich möchte meine tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Medizinische Betreuung im eigenen Heim ist sehr umständlich, aber Sie haben geduldig alle Wehwehchen und Schmerzen behandelt, die der Krebs mit sich bringt. Sie haben sich bemüht, mir die Zeit bis zum letzten Ziel, genannt Tod, so angenehm wie möglich zu machen. Ich kann nicht ausdrücken, wie sehr Sie mir geholfen haben. Und Sie haben sich nicht einfach um diesen schwierigen und arroganten Patienten gekümmert als wäre es nur ihr Job, sondern waren auch auf er zwischenmenschlichen Ebene. Mir fehlen die Worte um auszudrücken, welch große Hilfe Sie mir waren und wieviel Sie mir gerettet haben. Ich wurde viele Male angespornt von Ihren Qualitäten als menschliche Individuen. Ich bin sehr, sehr dankbar.

Und – das ist jetzt wirklich der Schluss:

Kurz nach der Diagnose Mitte Mai bis jetzt, hatte ich das Glück die Unterstützung und Hilfe, privat als auch geschäftlich, von meinen 2 Freunden zu bekommen. Mein Freund T, der mit mir ein Freund seit der Hochschule war und ein Mitglied von KON’Stone Inc und Produzent H – Ich danke euch von ganzem Herzen. Vielen Dank. Es fällt mir schwer mit meinem mickrigen Vokabular meine Dankbarkeit euch gegenüber ordentlich auszudrücken. Meine Frau und ich haben beide so viel von euch bekommen.

Wenn ihr beiden nicht für uns dagewesen wärt, würde ich vermutlich dem Tod ins Auge sehen, während meine Frau an meiner Seite sitzt und immer mehr Angst und Sorgen bekommt. Ich stehe wirklich in eurer Schuld.

Und wenn ich euch noch um etwas bitten dürfte – würdet ihr meiner Frau helfen, mich auf die andere Seite zu geleiten nach meinem Tod? Ich würde diesen Flug guten Gewissens unternehmen, wenn ihr das für mich tun würdet. Ich bitte euch von ganzem Herzen.

Nun, an alle, die mit mir durch dieses lange Dokument gegangen sind – Danke. Mit dem Herzen voller Dankbarkeit für alles Gute in der Welt lege ich meinen Stift nieder.

Jetzt entschuldigt mich, ich muss gehen.

Satoshi Kon

0 Gedanken zu „Satoshi Kons Abschiedsschreiben [Deutsche Übersetzung]

  1. makko

    Wow, sowas Schönes liest man selten. Er war echt ein genialer Mann.

    Möge sein Geist im ewigen Paradies seine verdiente Ruhe finden.

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  2. Lightmaker

    Ich war nie ein großer Freund von Kons Werken, denn obwohl sie thematisch recht anspruchsvoll waren, erschienen sie mir meist nicht konsequent erzählt und eher wie Fragmente von etwas Größerem, bei dem jedoch das Wichtigste fehlt.

    Seine letzten Worte haben mich jedoch mehr bewegen können, als seine Filme – und so wünsche ich ihm, dass er in ein Leben wiedergeboren wird, in dem er die Zeit nachholen kann, die man ihm in diesem Leben nicht gelassen hat.

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  3. Japonski

    Jetzt wo ich den Brief gelesen habe bereue ich es bis jetzt keines seiner Werke gesehen zu haben. Ich werde es nachholen und somit Satoshi Kon in Ehren halten.

    In diesem Sinne: “Friede seiner Seele.”

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  4. Caracas

    Ein genialer Mann ist aus unserer schönen anime/manga Welt gegangen, ich kann ihm nur für seine Guten..SEHR guten werken Danken.

    Ich hoffe du hast es anngenehm auf der Anderen Seite Satoshi Kon.

    ebenfalls finde ich auch ein sehr Trauriger aber doch Schöner brief.

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  5. Götterwind

    Der Tod gehört zum Leben unwiderbringlich dazu. Trotzdem, 46 ist wirklich kein Alter, in dem man sich ernsthafte Gedanken darum macht.
    Ich hoffe ich inständich, dass ich nie, nie meine eigenen Kinder zu Grabe tragen muss.

    Möge seine Frau die gewonnene Erfahrung in ein Leben voller Leben umsetzen können.

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  6. Annmey

    Ich kannte ihn gar nicht, bis ich eben von seinem Tod gehört habe.
    Seinen Brief zu lesen hat mich aber umgehauen.
    Und jetzt weine ich um jemanden, von dem ich nun so viel und gleichzeitig so wenig weiß. :(

    Danke, für deine Übersetzung!
    Ich glaube ich wäre zerflossen vor Tränen, hätte ich den Brief übersetzen müssen.

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  7. smokerprince21

    seher seher traurig schade das uns so ein genialer mann so früh verlässt
    die guten sterben immer zu früh
    RUHE IN FRIEDEN

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  8. BRS

    Rest in Peace Satoshi Kon ,

    Also ich muss sagen ich habe so gut wie alle seiner Filme gesehen, doch dieser Brief rührt einen viele mehr…..

    Es ist schade das er gestoben ist, wo er doch noch so viele Filme hätte machen können…

    Das leben ist echt unfair…..

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  9. Pingback: Japan: Anime Director Satoshi Kon’s Last Message :: Elites TV

  10. noushi

    Interessanterweise geht unsere Übersetzung um die Welt und keine einzige (!) deutsche Newsseite hat es geschafft, darauf zu verlinken :)

    Wie auch immer – danke euch allen für die positiven Zusprüche und Retweets/Facebook etc. :)

    Edit: Wie ich bereits twitterte zur Übersetzung – stellt euch mal vor, ihr könnt euch in jene Person hineinversetzen… ;_;

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  11. Pingback: Global Voices teny Malagasy » Japana: Ny hafatra farany napetraky ny mpandrindra Sarimihetsika Japoney Satoshi Kon

  12. Kite

    Dieser Brief ist wie seine Filme: einfach nur genial geschrieben. Das führt vor Augen, welches Talent diese Welt verlassen hat… Ich hoffe, sein letztes Werk findet ein würdiges Ende!!

    R.I.P.
    Satoshi Kon

    Vielen Dank für die Übersetzung!!

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  13. Lightmaker

    +++ Dann müssen wir wohl auf Frostii warten +++

    Na ja, “fehlerhaft” ist übertrieben – sagen wir besser “ungenau”. Makiko räumt das ja selber ein und ich finde es etwas schade, dass sie hier einige imho wichtige Dinge in der Übersetzung so verallgemeinert oder glattgebügelt hat. Zumindest hat sie ja noch mal Erklärungen dazu geliefert. Vielleicht hat sie der Leserschaft zu wenig Verständnis für japanische Rhetorik zugetraut.

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